Ich
sehe
was
was
du
nicht
siehst

Was du nicht siehst!

Das Projekt „Ich sehe was, was du nicht siehst!“ entstand aus der Zielsetzung, die Erfahrungen von jungen Menschen ernst zu nehmen, sie darin zu bestärken Rassismen aller Art zu verurteilen und aufmerksam auf sich selbst zu schauen. Auf dieser Seite möchten wir euch dazu einladen über alles, was wir mit dem Workshop sichtbar gemacht haben und was unsichtbar geblieben ist, nachzudenken.

Nächste Ausstellung: „48 Stunden Neukölln“.
22 und 23 Juni 2018, 17:00 Uhr
Jugendclub Manege
Rütlistraße 1, 12045 Berlin

#wiestrenggläubigbistdu

Bist du strenggläubig?

Ich spüre seit 2014/15, dass ich vermehrt die Frage „Bist du strenggläubig?“ gestellt bekomme. Seitdem Menschen im Namen meiner Religion den Islam für ihre widerlichen und menschenverachtenden Ziele benutzen, werde ich mit der Frage öfters konfrontiert. Seither wird immer wieder von mir verlangt, dass ich mich von den Gräueltaten distanzieren soll. Dadurch fühle ich mich oft unter Rechtfertigungsdruck, sodass ich Menschen meine Zugehörigkeit zum Islam erklären muss. In der Schule wurde mir die Frage „Bist du strenggläubig?“ häufig von Mitschüler_innen und Lehrer_innen gestellt.

#wiestrenggläubigbistdu #manegehilft

Jedes Mal, wenn ich die Frage gestellt bekomme, bin ich wie gelähmt. Jedes Mal irritiert mich die Frage aufs Neue so sehr, dass ich nicht weiß, was ich darauf antworten soll. Ich habe versucht, für mich das Wort strenggläubig zu definieren, jedoch vergeblich. Was heißt denn eigentlich strenggläubig? Wenn ich fünf Mal am Tag bete? Wenn ich im Monat Ramadan faste? Wenn ich einen Vollbart trage? Mir kommt es so vor, als ob es den fragenden Menschen vollkommen egal ist, was ich antworte, da sie ihre Antwort sowieso schon kennen. Um nochmal auf die Frage „Bist du strenggläubig?“ zurückzukommen – Hier ist meine Antwort: „NEIN, bin ich nicht! Ich bin ein praktizierender Gläubiger!”

Abdullah M.

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#nichtleisebleiben

Sprich mit mir, bevor du urteilst!

Mit der Aussage „Sprich mit mir, bevor du urteilst!“ möchte ich erreichen, dass Menschen sich bewusst darüber werden, dass das was sie von mir sehen, nur ihr eigenes Bild ist. Ich persönlich frage nach, bevor ich über andere spreche. Wer bin ich, dass ich über andere urteile? Vor einer Moschee in Neukölln stand ich mit Freunden, als ein älterer Herr vorbeikam und uns sagte: „Verzieht euch in eure Heimat, was tut ihr hier in meinem Land?“ – Im ersten Moment haben wir das nicht so ernst genommen, aber natürlich frage ich mich trotzdem: „Warum sagst du das?“

#nichtleisebleiben #manegehilft

Nur weil ich dunkle Haare habe, heißt es nicht, dass ich nicht hier geboren bin. Nur weil meine Eltern nicht aus Deutschland sind, heißt es nicht, dass ich nicht auch zu Deutschland gehöre. Ich trage ein Stück arabisch und ein Stück deutsch in mir drin. Beide Stücke gehören zusammen, das bin ich, das kann man nicht trennen.

Auch wenn Menschen mich fragen, welche Schule ich besuche, merke ich diese vorgefertigten Bilder. Wenn ich ihnen antworte: „Ich bin auf dem Campus Rütli“, verdrehen sie oft die Augen. Viele Menschen verbinden mit dieser Schule und insbesondere mit den Schülern ganz oft Kriminalität, Respektlosigkeit und schlechte Noten.

Ich finde, dass wir alle keine Angst voreinander haben sollten, sondern viel besser wäre doch wenn wir Interesse füreinander hätten. Nicht leise bleiben – geh und frag einfach nach!

Muhammed M.

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#fiktionsbescheinigung

„Was für Pass!?
Mein Land ist die Welt!”

Was mir wichtig ist zu sagen, ist, dass es egal sein sollte, woher wir kommen, welcher Nation wir angehören oder welche Hautfarbe wir haben. Wir sind alle Menschen. Mein Pass sagt nichts darüber aus, wer ich bin. Ich bin nicht besser als du und du bist nicht besser als ich. Einige meiner Freunde und Verwandten haben keinen deutschen Pass.

#fiktionsbescheinigung #manegehilft

Das bedeutet leider auch, dass sie weniger Rechte haben, z.B. können sie nicht überall hinreisen, so wie ich. Ich finde es ungerecht, dass ein Pass, das heißt eigentlich ein Stück Papier, dazu führt, dass manche Menschen freier sind als andere.

ALAA H.

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#diewürdedesmenschen

Zerrissene Identität

Wenn die Maskierten in der Nacht kommen um DICH zu holen!

Es ist mitten in der Nacht, als ich durch lautes Gebell geweckt werde! Ein Schäferhund in meinem Bett, seine Schnauze direkt vor meinem Gesicht, nur der Maulkorb trennt mich von seinem fletschenden Zähnen. Der Hund ist angespannt, so wie ich, er knurrt, ist aggressiv. Mein ganzer Körper zittert, mir laufen Schweißperlen über das Gesicht.

Ich versuche mich zu drehen um zu sehen, wer hinter dem Hund steht. Es ist ein Mann, schwarz gekleidet und maskiert. Er brüllt mich an, mit einer Waffe in der Hand: „Hände hinter den Rücken und nicht bewegen!“ Ich bete zu Gott, dass das alles nur ein schlechter Traum ist. Ich versuche einen kühlen Kopf zu bewahren! Nein, es geht nicht, mein Herz schlägt zu schnell, so dass es fast stehen bleibt. Der maskierte Mann rammt mir sein Knie in den Rücken und zieht mich aus meinem Bett.

#diewürdedesmenschen #manegehilft

Er zerrt mich gewaltsam in unser Wohnzimmer. Dort stehen alle nebeneinander gereiht: meine Mutter, mein Vater und meine Geschwister. Unsere Blicke treffen sich für einige Sekunden. Ich sehe in ihren Gesichtern die Erniedrigung und die Demütigung, die sie in diesem Moment über sich ergehen lassen müssen. Was wollen sie von uns? will ich sie fragen, doch ich bin wie gelähmt. Zu groß ist der Schock und die Angst nicht zu wissen, was als nächstes passiert.

Alles wird auf den Kopf gestellt, das Haus ist verwüstet! Meine Mutter ist am Schluchzen und versucht sich nichts anmerken zu lassen. Meine kleinen Geschwister weinen! Mein Bruder versucht meine Mutter zu beruhigen. Ich schaue meinen Vater an, aber er meidet meinen Blick. Er starrt nur zu Boden. Ich habe meinen Vater noch nie ängstlich erlebt. Zum ersten Mal sehe ich ihm an, dass er Angst hat, Angst um seine Familie!

Es sind acht maskierte Personen in unserem Wohnzimmer, wenige Minuten später kommt ein Polizeibeamter und verkündet uns: „Guten Morgen, wir sind hier, denn es geht um ihre Abschiebung, Herr Osman T.!“

Was denkst du?

OSMAN T.

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#ihrsprachopfas

Du sprichst aber gut deutsch!

...hört sich zunächst nach einem wahrscheinlich nett gemeinten Kompliment an. Als ich angefangen habe mir Gedanken über dieses Statement zu machen, ist mir als Erstes aufgefallen, dass mir noch nie mit einem überraschten oder staunenden Gesicht begegnet wurde, wenn ich irgendwo deutsch gesprochen habe.

Wieso erwarten Menschen von bestimmt aussehenden Personen eine bestimmte Sprache? Kann man einer Person ansehen, welche Sprache sie spricht, wo sie geboren ist oder wo sie momentan lebt?

#ihrsprachopfas #manegehilft

Sprache ist ein zentraler Weg sich auszudrücken. Durch die Art und Weise, wie wir uns artikulieren, kreieren sich andere ein Bild von uns. Schwierig wird es aber, wenn sich dieser Vorgang umdreht und Personen aufgrund ihres Aussehens bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse zugeschrieben bekommen. Ich weiß nicht, wie es ist, aufgrund eines scheinbar nicht-deutschen Erscheinungsbildes Charaktereigenschaften zugeschrieben zu bekommen.

Ich weiß nur, wie es ist aufgrund meines Geschlechtes beurteilt zu werden. „Das ist aber mutig für eine Frau.“ – Diesen Satz habe ich schon ziemlich oft gehört als ich „alleine als Frau“ auf Reisen gegangen bin. Bestimmten gesellschaftlichen Gruppen werden immer wieder festgelegte Eigenschaften zugeordnet. Frauen in diesem Fall Hilfsbedürftigkeit, Höflichkeit oder immer schön zu allem „Ja“ zu sagen. Nicht-deutsch aussehenden Personen wiederum die deutsche Sprache nicht richtig beherrschen zu können. Was ist das denn für ein Gedanke? Vielleicht sollten wir erstmal darüber nachdenken, bevor wir Leute für Fähigkeiten loben, die sie überhaupt noch nie in Frage gestellt haben #ihrsprachopfas!

CLARA H.

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#nichtleisebleiben

Sprich mit mir bevor du urteilst!

Es passiert schon, dass jemand mir den Hitlergruß zeigt, oder Dinge sagt, wie „Ab in die Heimat!“ Besonders, wenn ich mit Freunden unterwegs bin. Früher hat mich das verletzt, aber heute habe ich mich daran gewöhnt. Ich merke schon, dass ich selbst auch Vorurteile habe, zum Beispiel bezeichne ich Leute arabischer Herkunft oft als Flüchtlinge ohne sie zu kennen. Vielleicht sind sie länger in Deutschland als ich, vielleicht sind sie auch hier geboren. Vielleicht sprechen sie auch besser Deutsch als ich oder sie sind, genauso wie ich, Deutsche.

#nichtleisebleiben #manegehilft

Man muss schon ehrlich zu sich selbst sein - jeder hat Vorurteile gegenüber anderen. Sie zu erkennen ist der erste Schritt auf dem Weg sie aufzugeben. Wir müssen miteinander sprechen, um uns kennenzulernen und um herauszufinden, wer wir sind und was wir gemeinsam haben.

Mit dem Polaroid zeige ich, was viele Leute nicht mit mir verbinden – den deutschen Pass.

AHMAD D.

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#rassismusohneworte

Ich sehe diese Blicke, die du nicht siehst! 

Manchmal, wenn ich sehe, dass die U-Bahn oder S-Bahn in einer Minute kommt, renne ich am Hermannplatz oder auch am U-Bahnhof Neukölln die Treppen runter und springe noch schnell in die Bahn. Die Türen schließen sich und meistens schauen mich dann Menschen an. Das ist so ein Anschauen von unten nach oben, als hätte ich etwas falsch gemacht.

#rassismusohneworte #manegehilft

Ich habe dann das Gefühl, sie stellen sich vor, dass ich gerade etwas verbrochen habe und weggerannt bin. Mir ist das unangenehm, weil ich eigentlich nichts gemacht habe, aber in meinem Kopf dann so ein Film abgespielt wird. Ich bin mir dann fast nicht sicher, ob ich eigentlich was Falsches getan habe, oder nicht. Die Blicke irritieren mich. Manchmal schaue ich weg oder aufs Handy, manchmal schaue ich die anderen an, ich will dann herausfinden, was sie von mir wollen.

AMMAR El-N.

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#fiktionsbescheinigung

Was für Pass!?
Mein Land ist die Welt!

Mein Name ist S. und ich bin 19 Jahre alt.

Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Ich habe eine Fiktionsbescheinigung und weiß gar nicht mal wirklich, was das ist. Ich weiß nur dass ich nicht reisen kann und Berlin nicht verlassen darf. Es ist ein Stück Papier, das ich immer bei mir tragen muss, eine Art Ausweis. Es gibt mir das Gefühl, als wäre ich nicht echt. Ich bin in Berlin zur Schule gegangen und habe meine Familie und Freunde hier. Alle drei Monate muss ich zur Ausländerbehörde. Immer wenn ich den Brief für einen neuen Termin von der Behörde erhalte, kriege ich ein komisches Gefühl von Angst. In diesen Momenten möchte ich am liebsten alles vergessen. Meistens werde ich von den Sachbearbeitern schlecht behandelt, sie sind unfreundlich, kühl und interessieren sich nicht für mich als Person. Die wollen so viele Sachen von mir, ich soll alles was ich tue nachweisen. Sie machen mir Druck, dass ich arbeiten oder eine Ausbildung machen soll.

#fiktionsbescheinigung #manegehilft

Das geht doch nicht, wenn man nur eine Fiktionsbescheinigung, hat mit einem Aufenthalt von drei Monaten. Wer will einen da schon haben. Sie sprechen immer davon, dass ich mich integrieren soll, doch wie soll ich mich integrieren, wenn ich nicht mal die Möglichkeit dazu habe. Außerdem bin ich doch hier geboren und nicht anders als die anderen. Einmal hat mir der Sachbearbeiter mit der Abschiebung in die Türkei gedroht. Plötzlich hatte ich wieder dieses Gefühl von Angst, ich kenne doch niemanden in der Türkei, spreche noch nicht mal die Sprache. Die Angst meine Familie und Freunde zu verlieren ist aber die Größte, ohne sie könnte ich nicht leben. Was ist wenn die Polizei meine Wohnung stürmt und mich mitnimmt? Vielen von meinen Freunden und auch Familienangehörigen ist das bereits passiert. Sie kommen mitten in der Nacht, vermummt mit Maschinengewehren und treten die Türen ein, sie sind viele und dann nehmen sie dich mit in die Abschiebehaft. Das alles macht mir Angst und ich frage mich: „Warum? Warum werde ich so behandelt, was habe ich denn falsch gemacht?“

S.

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#nichtleisebleiben

Sprich mit mir bevor du urteilst!

Vorurteile sind meiner Meinung nach nichts Unnatürliches, jeder Mensch hat Vorurteile, auch ich. Ob sie positiv oder negativ konnotiert sind, kommt darauf an, wie der Mensch damit umgeht. Vorurteile helfen dabei sich auf eine unbekannte Situation vorzubereiten.

Leider bekommen meine Freunde und ich öfter negative Vorurteile zu spüren, beispielsweise wenn wir an unserem Stammtreffpunkt „Ecke“, einer Straßenkreuzung in Neukölln zusammenkommen. Wir sind dann 10-15 Jungs, die sich zum quatschen und chillen treffen. Wenn wir so zusammen stehen, wechseln die meisten Passanten die Straßenseite. Irgendwann im Sommer traf plötzlich die Polizei ein. Zwei Beamte, die uns sagten, dass sich Anwohner meldeten, weil sie glaubten, dass wir Scheiße bauen wollten.

#nichtleisebleiben #manegehilft

Wir fühlten uns in diesem Moment ungerecht behandelt, weil wir uns dafür rechtfertigen mussten, dass wir uns als ein ganz normaler Freundeskreis an diesem Ort treffen. Sie stellten uns Fragen Warum trefft ihr euch hier? Was macht ihr hier? Könnt ihr euch nicht woanders treffen?

Bevor sie mit uns sprachen, hatten sie alle schon ihr Urteil gefällt - Passanten, Nachbarn und die Polizei. Sie sahen einfach nur eine Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund und hatten direkt das Schlimmste im Kopf. Ich möchte sagen, dass wir alle nicht an Vorurteilen festhalten sollten.

Vielmehr sollten die Menschen ihr Bild von einer unbekannten Situation mit positiven Erfahrungen füllen statt mit Vorurteilen!

HUSSAM M.

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#wiestrenggläubigbistdu

Bist du strenggläubig?

Ob ich gläubig bin oder nicht, wie ich Glaube interpretiere oder lebe, welcher Religion ich angehöre, wurde ich bisher sehr selten gefragt. Die Frage: “Bist du strenggläubig?”, ist mir nie begegnet. Sie war für mich nicht von Bedeutung, bis ich erfuhr, dass Freunden diese Frage gestellt wird. Und sie das Gefühl haben, sich in ihrer Antwort rechtfertigen zu müssen.

#wiestrenggläubigbistdu #manegehilft

Wie können wir miteinander sprechen, ohne dass vorgefertigte Bilder einer ehrlichen Begegnung den Raum nehmen?

Vielleicht indem wir einander aufmerksam zuhören, statt vorgegebene Bilder anzunehmen. Verschiedene erzählte Erfahrungen und das Vertrauen, diese mit mir zu teilen, haben schon oft die festen Vorstellungen gelöst, die ich von Menschen hatte. Sie beseitigen Halbwissen und lassen mich für einen Moment aus den Augen meines Gegenübers sehen. Dieser Augenblick, in denen Menschen einander vertrauen, sich Raum geben und sich gegenseitig zuhören, sind für mich besondere Momente, in denen Wachsen möglich ist – in denen unser eigenes Bild das vorgegebene überblendet.

Kathrin H.

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Wie rassistisch bist du? 

In jedem Menschen steckt Rassismus. Jede_r von uns kennt das Gefühl – Man unterscheidet Menschen: nach Nationalität, Kleidung, Aussehen, Geruch, Sprachen. Dahinter steht, denke ich, das Bedürfnis andere Menschen einschätzen zu können. Wir übertragen unsere Annahmen, ohne sie zu hinterfragen. So verschaffen wir uns Orientierung darüber, wie wir mit den Menschen umgehen. Den Folgen dessen sind wir uns nicht bewusst. Wir reduzieren Menschen auf das Äußere.

#manegehilft

Was wir sehen, ist nur die Hülle, nicht das was drin steckt. Vielleicht wollen wir eigentlich wissen, ob die Person, die wir sehen, ein potentieller Freund ist oder jemand der es schlecht mit uns meint – das heißt eigentlich geht es um den Charakter der Person und um ihre Intention. Jeder Charakter ist unterschiedlich, aber man sieht den Charakter nicht.

Wenn wir es schaffen wollen, nicht rassistisch zu sein, müssen wir uns von diesen Vorurteilen lösen. Ich denke, wir müssen offen sein für alles, neugierig auf unser Gegenüber. Das heißt für mich Zuhören und Verstehen.

Ibrahim, El-H.

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#fiktionsbescheinigung

Was für Pass!?
Mein Land ist die Welt!

Was ist das? Eine bescheinigte Fiktion?!

Es ist wieder soweit, mein Magen ist am Knurren. Ich konnte am Morgen nichts frühstücken, zu groß das Unwohlsein und die Nervosität. Ich treffe mich mit Schamdin. Zum fünften Mal in den letzten zwei Jahren machen wir uns auf den Weg zum Friedrich-Krause-Ufer 24. Schamdin ist ruhiger als sonst, ich spüre seine Aufregung – sonst mit einem Lächeln im Gesicht und einem lustigen Spruch parat, ist er heute sehr still und in sich gekehrt. Ich versuche die Stimmung aufzulockern, um ihn abzulenken, aber mir will es nicht wirklich gelingen.

Wir sind pünktlich und betreten das Gebäude. Viele Menschen sind hier. Die meisten scheinen sich so zu fühlen wie wir. Wir setzen uns in den Warteraum und starren auf den Bildschirm mit den Wartenummern. Ich frage Schamdin, ob er all seine Unterlagen parat hat und seine Papiere dabei. Ich merke, ich mache ihm Druck, weil ich plötzlich selbst unter Druck gerate. Was passiert, wenn wir nicht all die Dinge nachweisen können, die von ihm verlangt werden? Wie soll es dann weitergehen? Ich weiß, Schamdin vertraut auf mich. Ich gebe mein Bestes, aber reicht das? Angst steigt in mir auf. Ich denke wieder an Schamdin - was ist, wenn es heute nicht klappt mit der Verlängerung? Abschiebung? Er allein in der Türkei. Niemals!!!

#fiktionsbescheinigung #manegehilft

Wir müssten gleich dran sein: Ich überlege, welcher Sachbearbeiter uns heute gegenüber sitzen wird. Wie wir am besten auftreten - freundlich und sachlich evtl. ein bisschen schleimen oder doch lieber direkt, ein bisschen kaltschnäuzig und fordernd. Ich gehe die Situation im Kopf durch. Wie kann ich reagieren, wie kann ich die Entscheidung der Sachbearbeiter beeinflussen?

Nummer 403288 blinkt auf dem Bildschirm. Ich atme tief ein, lege meine Hand auf Schamdins Schulter und mein Blick sagt ihm: „Mach dir keine Sorgen, alles wird gut.“

Wir betreten das Zimmer………

Egal für welches Auftreten oder für welche Strategie du dich entscheidest, sie haben in diesem Moment die Macht. Sie entscheiden über sein Leben, seine Zukunft, sie bestimmen über sein Glück und seine Freiheit.

In diesem Moment fühlst du dich machtlos, aber im nächsten weißt du genau warum du weitermachst. Weil du den jungen Menschen hinter der Nummer siehst. Einen jungen Mann, der sich von keinem anderen Jugendlichen unterscheidet und doch mit Situationen konfrontiert ist, die sein Dasein ständig in Frage stellen. In diesen Momenten fühle ich genau, weshalb ich an seiner Seite bin. Ich will, dass er fühlt, dass er keine Schuld trägt und Fehler machen darf. Ja, vielleicht will ich ihn auch einfach nur beschützen.

Schamdin fragte mich einmal: „Was ist eigentlich eine Fiktion?“ Ich antwortete: „Eine Fiktion ist etwas Ausgedachtes, das Schaffen einer eigenen Welt!“ Seine Antwort: „Wie kann ein Mensch dann eine Fiktion sein, wenn er doch real und wirklich ist! Weißt du, in meiner Welt würde es keine Pässe geben und mein Land wäre die Welt!!“

Nadine H.

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#festderliebe

Sorry, ihr kommt hier nicht rein!

Heute ist Freitag, wir machen uns alle gemeinsam auf den Weg zum Alexanderplatz. Das Wetter ist ziemlich frostig, trotzdem freuen wir uns alle sehr auf den Weihnachtsmarkt am Alexa. Die Kinder und Jugendlichen können es kaum erwarten endlich anzukommen. Während der Fahrt höre ich wie sie miteinander diskutieren, wofür sie ihr Budget in Höhe von fünf Euro ausgeben wollen. Hassan möchte in die Geisterbahn, Fatma würde gerne auf das Riesenrad und andere wiederum einen kandierten Apfel essen. Hassan fragt Yasin, ob er mit auf die Geisterbahn möchte, Yasin sagt: „Nein”, und wird prompt von allen anderen geärgert: „Angsthase, Angsthase!“

#festderliebe #manegehilft

Wir sind am U-Bahnhof Alexanderplatz angekommen, die Kinder und Jugendlichen steigen alle aus der Bahn, mein Kollege und ich zählen einmal durch: „eins, zwei, … fünfzehn - ein Kind fehlt!“ Mitten im Gedränge zähle ich nochmal: „Hassan fehlt!“. Wir schauen uns um, er steht schon an der Treppe und brüllt „Macht doch mal endlich schneller, Yalla Yalla!“ Wir sammeln Hassan ein und laufen die Treppen hoch zum Alexa. In der Luft riecht man den Duft von Glühwein und Lebkuchen, überall Lichterketten und Straßenmusiker, die Weihnachtslieder singen. Unsere Kinder und Jugendlichen singen ihre eigenen Lieder: „In der Weihnachtsbäckerei, gibt es manche Leckerei, zwischen Mehl und Milch, macht so mancher Knilch, eine riesengroße Kleckerei...“ Vor den Eingängen des Weihnachtsmarktes stehen Securitys. Wir sind fast da, jemand zieht an meinem Arm. Ich drehe mich um, Hassan flüstert mir ins Ohr: „Ich muss dringend aufs Klo!“ Ich beruhige ihn und sage ihm: „Einen Moment noch, wir sind gleich drin.“

Wir stehen vor dem Eingang, zwei Securitys stellen sich vor uns und schauen uns von oben nach unten an, einer von ihnen sagt: „Sorry ihr kommt hier heute nicht rein!“ Mein Blick wandert zu meinem Kollegen, wir sind sprachlos und irritiert. Ist das jetzt ein schlechter Scherz? Nein, die meinen es wirklich ernst. Ich frage höflich nach dem Grund: „Wo liegt das Problem, die Kinder wollen auf den Weihnachtsmarkt?“ Die Kinder werden ungeduldig. Hassan fragt mich „Häh, warum dürfen wir nicht rein?“ Der Security Mitarbeiter antwortet, sodass es alle hören können: „Wir haben eine Anordnung von ganz oben, arabisch und türkisch aussehende Menschen in Gruppen nicht herein zu lassen!“

Mesut A.

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#nichtleisebleiben

Sprich mit mir bevor du urteilst!

Wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin passiert es öfter, dass wir ohne Grund von der Polizei angehalten und kontrolliert werden. Ein Streifenwagen hält an und wir sollen uns ausweisen – Das passiert, ohne dass irgendwas vorgefallen ist. Mir kommt es manchmal so vor, als ob die Polizei uns schon allein wegen unseres Aussehens anhält.

#nichtleisebleiben #manegehilft

Wir werden sogar eher kontrolliert als Menschen, die sich auf der Straße völlig daneben benehmen und laut sind. Neulich habe ich mich mit Freunden an unserem Treffpunkt auf der Weserstraße getroffen. Kurze Zeit später wurden wir von der Polizei aufgehalten. Die Polizei hat uns nach unseren Ausweisen gefragt. Einer der beiden Polizisten hat unseren türkischen Freund zur Seite genommen, ihn gefragt: „Warum hängst du mit diesen Drecksarabern rum?“ und hat unseren Kumpel nach Hause geschickt.

SALEH EL-M.

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#oaseinderwüste

What‘s my identity!? I come from Planet Earth.

Was ist meine Identität? – Ich komme vom Planeten Erde.
Wo ist es sicher? Wohin kannst du fliehen und Schutz finden? Was ist deine Nation?
Sind wir in Wirklichkeit nicht alle EINS?

#oaseinderwüste #manegehilft

Überkomme deine Angst und wende dich den Menschen in deiner Umgebung zu – Du kannst eine Oase in der Wüste sein! Suche in jedem Gesicht nach deiner eigenen Familie.

Bis zu dem Tag, an dem du feststellst...
Niemand ist dein Feind. Alle sind deine Freunde. Wir alle haben die gleiche Mutter – Den Planeten auf dem wir leben.

Clio M.

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#rassismusohneworte

Ich sehe diese Blicke, die du nicht siehst!

Kennst du das - es ist Sommer und du triffst dich mit deinen Freunden, um an den See zum Baden zu gehen? Wir machen einen Treffpunkt aus und überlegen uns, zu welchem See wir fahren werden. Da es in Neukölln keine Seen gibt, haben wir uns diesen Sommer entschieden zum Werbellinsee in Brandenburg zu fahren. Meine Freunde und ich fahren immer mit einem mulmigen Gefühl dahin.

#rassismusohneworte #manegehilft

Schon während der Fahrt fragen wir uns als Gruppe, welche rassistischen Äußerungen wir schon wieder ertragen müssen. Es fängt schon beim Umziehen damit an. Auf dem Weg zum Wasser richten viele Menschen ihre Blicke auf uns. Wenn ich die Blicke kurz beschreiben soll - es fühlt sich so an, als würden sich einige vor uns ekeln. Die Blicke sind mit Wut, Hass und Abneigung gefüllt. Jedes Mal frag ich mich Warum?! Die kennen mich doch nicht. Was habe ich ihnen getan, dass allein meine Anwesenheit diese Menschen so sehr verstört. Ich weiß es nicht!!!

ALI EL-H.

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